Pippilotta macht mal Pause

Veröffentlicht von am 25 Jan 2018

Zum Jahresbeginn kamen sie mir wieder überall auf den digitalen Kanälen entgegen – die sicherlich gut gemeinten Ermutigungen: „Sei Pippi, nicht Annika“ und all die anderen Zitate, die der rothaarigen liebenswerten Göre und Astrid Lindgren zugeschrieben werden. Aber ganz ehrlich: Langsam kann ich vieles davon nicht mehr hören.

 

Ich mag Pippi wirklich sehr. Dieses großartige Mädchen mit ebensoviel Gold im Koffer wie im Herzen. Das Kind, das vor gar nichts Angst zu haben scheint. Pippi, die sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt, eine schier unbändige Energie hat und einfach gegen den Strom schwimmt. Die nicht in Selbstmitleid verfällt, weil ihr eigenes Schicksal eigentlich total schwer ist, sondern nach vorn stürmt und macht.

 

Mädchen_HeikeHaasIllu: Heike Haas – www.waschatelier.de

 

Und so wichtig ich es auch finde, ebenso das Kind in mir zu bewahren, ab und zu auch wild und unbeschwert zu sein, Mut zu zeigen und immer wieder Neues auszuprobieren: Auf Dauer kann das auch ziemlich anstrengend sein. Ich bewundere Menschen, die echten Pioniergeist haben, immer wieder freiwillig ihre Komfortzone verlassen und sich regelmäßig auf den Weg in neue Welten machen – die sogar sagen, dass nur dort das wahre Glück für sie liegt.

 

Vielleicht habe ich im letzten Jahr einfach im Job meine eigenen Grenzen zu sehr ausgereizt. Aber ich hatte das Gefühl, über mehrere Monate hinweg außerhalb meiner Komfortzone zu arbeiten und zu leben, vor allem aufgrund eines Projektes, das zunächst superspannend aussah, sich aber dann als absoluter Energiefresser entpuppte. Außerdem will ich ebenso in technischen Dingen immer den Anschluss behalten, doch auch dort war nicht jeder Ausflug ein Erfolg.

 

Das waren wieder einmal wertvolle Erfahrungen, und das vergangene Jahr war das bislang umsätzstärkste in meiner Selbständigkeit. Allerdings habe ich für mich persönlich gemerkt, dass ich bei diesen Grenzgängen verdammt aufpassen muss. Auf mich, auf meine Gesundheit und auf meine Familie. Sehr häufig brauche ich auch den Rückzug in gewohnte, sichere Jobumgebungen und zuhause jede Menge Ruhe, damit ich dann draußen mit neuer Energie wieder Neues anschubsen kann. Und obwohl ich rötliche Haare habe und manchmal auch etwas lauter daher komme, obwohl ich verrückte Ideen habe und Querdenken liebe – im Herzen war mir Annika schon immer näher. Wahrscheinlich ärgert es mich deshalb inzwischen so sehr, wenn es immer wieder heißt:

 

„Sei Pippi, nicht Annika.“

 

Blödsinn. Habe ich nicht so lange gebraucht, ein Meer voll Teenager-Tränen geheult, großartige Bücher gelesen und tausend Erfahrungen gemacht um zu erkennen, dass es eben total in Ordnung ist, so zu sein wie ich bin? Oder mit Eckart Hirschhausen gesagt: „Wenn man als Pinguin geboren wurde machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir in diesem Leben keine Giraffe mehr.“

 

Seit ich diesen Blogpost im Kopf habe, liegt das Kinderbuch von Astrid Lindgren neben meinem Bett. Macht richtig Spaß, ab und zu darin zu schmökern. Und da kam sie mir natürlich entgegen, die liebe, saubere Annika, immer zuerst zögerlich, manchmal vielleicht sogar etwas weinerlich. Aber: Auch sie ist letztlich wahnsinnig mutig, folgt den anderen beiden zwar und verlässt immer wieder ihre Komfortzone, jedoch macht auch ihr eigenes Ding. Und ist eine, die die Fäden in der Hand hält, wie meine liebe DMW-Kollegin Annika Dürr (im Social Web bekannt als @pippisfreundin) so richtig bemerkt hat. Sie schickte mir das Bild von den drei kleinen Abenteurern im selbst gebauten Flugobjekt. Hier ist es eben Annika, die oben am Steuer steht und lenkt, während Pippi ihre nie endende Kraft einsetzt und sie alle gemeinsam damit voranbringt.

 

 

giphy

 

Annika Dürr sagt selbst, dass der Satz

 

„Sei frech und wild und wunderbar“

 

sie in der Kindheit sehr geprägt hat und sie es als recht strukturierter Mensch auch gut findet, neue Dinge zu tun und das Kind in sich herauszuholen. Trotzdem werde auch sie immer (eine) Annika bleiben, und das sehr gern. „Das ist nicht gegen Pippi, sondern pro Annika“, lacht sie.

 

Das Bild mit dem Flugzeug ist toll. Denn hier wird für mich einmal mehr deutlich, worum es in den Geschichten meiner Meinung nach hauptsächlich geht – und was sich eben auch auf die heutige Arbeitswelt übertragen lässt: Die wahre Stärke liegt im Team. Pippi rüttelt zwar alle wach und ermutigt Tommy und Annika, verrückte Dinge auszuprobieren. Aber wie meint Katrin Große, die gemeinsam mit Tatjana Reichhart mein Lieblingscafé Kitchen2Soul gegründet hat: „Das Café zu gründen und aufzubauen – das waren 10 Prozent Pippi und 90 Prozent Annika.“ Will sagen: Eine tolle Idee allein reicht nicht. Es braucht auch Leute mit Überblick und einer ordentlichen Portion Vernunft und Durchhaltevermögen, um beispielsweise ein eigenes Geschäft am Laufen zu halten.

 

Dieser Text soll kein Plädoyer dafür sein, sich nicht vom Fleck zu bewegen und nur bequem auf dem Sofa zu hocken. Natürlich ist es wichtig und wunderbar, die eigene Komfortzone zu verlassen und etwas zu wagen. Heute gehört es mehr denn je dazu, sich immer weiter zu entwickeln, ganz neue Terrains für sich zu erobern und mutig zu sein. Das schafft Erfolgserlebnisse und bringt neues Selbstvertrauen – das gilt natürlich auch für Annika(s).

 

Trotzdem ist mein Appell an euch für 2018, und überhaupt: Lasst euch dabei nicht verbiegen. Schaut nicht ständig nach links oder rechts, vergleicht euch nicht mit anderen, die in einer völlig anderen Situation sind und ganz andere Stärken und Charakterzüge haben. Nicht jeder kann, will und muss (ständig) Pippilotta sein.

 

Haut die Goldstücke im Bonbonladen raus und lasst es richtig krachen – wenn euch danach ist. Segelt Richtung Taka-Tuka-Land, ohne zu wissen, was euch erwartet – wenn ihr es wollt. Aber die Welt braucht auch jede Annika und jeden Tommy, denen erstmal ein Ausflug zum Limonadenbaum reicht.

 

Alleine schafft es niemand, das weiß selbst die starke Pippi. Und: Jeder darf mal eine Zeit in der eigenen Komfortzone verbringen. Es muss ja nicht für immer sein.

8 Comments

  1. Sabine
    26. Januar 2018

    Danke! Der Spruch nervt mich schon, seitdem er das erste Mal durchs Netz ging. Letztens Endes ist nämlich Annika viel mutiger, weil sie ständig aus ihrer Komfortzone geht. Und wie du schreibst: Ohne die eine kann die andere nicht fliegen. Und umgekehrt.

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  2. Simone Fasse
    26. Januar 2018

    Liebe Sabine, das freut mich sehr, Danke für den Kommentar! Ja, ging mir auch schon länger so. Und ich finde es nicht trivial, weil er immer wieder in Richtung Empowerment genutzt wird, und das sehe ich einfach ganz anders.

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  3. Ute Blindert
    27. Januar 2018

    Sehr wichtiger, guter Text! Ich hatte auch immer “Bauchschmerzen” bei dem Spruch, hätte sie aber nie so in Worte fassen können wie du, liebe Simone. Danke!

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    • Simone Fasse
      27. Januar 2018

      Liebe Ute, Dankeschön, das freut mich, dass ich da die richtigen Worte getroffen habe!

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  4. Maren Martschenko
    28. Januar 2018

    Liebe Simone,
    vielen Dank für den Artikel. Du sprichst mir sehr aus dem Herzen, weil es mich schon lange nervt, dass Frauen alle wie
    Pippi Langstrumpf sein müssten. Was wäre das für eine Welt? Ich selbst bin eher Pippi als Annika. Ich marschiere voran, probiere Sachen aus, bin manchmal ein bisschen zu laut und ein bisschen zu direkt. Das ist nicht immer hilfreich. Ich suche gezielt den Raum außerhalb meiner Komfortzone auf, weil ich dort lerne. Aber letzten Endes ziehe ich mich auch gerne wieder dahin zurück. Denn dauerhaft Pippi zu sein, ist anstrengend.
    Gut, wenn man ein Team ist oder hat. Und manchmal erinnere ich mich einfach daran: Ich bin gut so wie ich bin. Und du sowieso!

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    • Simone Fasse
      28. Januar 2018

      Danke liebe Maren, für diesen schönen Kommentar – ja, an Dich habe ich auch beim Schreiben gedacht :) Deinen Pioniergeist bewundere ich sehr! Jede(r) sollte halt in seinem eigenen Tempo seinen ganz eigenen Weg gehen. Mit tollen Leuten an der Seite :)!

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  5. Tatjana Reichhart
    31. Januar 2018

    Als Verfechterin der Pippi Langstrumpf (sogar in Workshops, Coachings und Therapie) möchte ich gerne ergänzen: Sowohl Pippi als auch Annika in sich zu finden ist sinnvoll. Diejenigen, die mehr Pippi sind, könnten ihren Annika Anteil ausbauen und diejenigen, die etwas zu viel Annika haben, ihren Pippi Anteil…. und damit stimmt die Balance dann wieder In meinem Job begegnen mir viele „Annikas“ auf der Suche nach ihrer „Pippi“…. Vielen Dank, liebe Simone für den differenzierten Beitrag!

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    • Simone Fasse
      1. Februar 2018

      Liebe Tatjana, Danke für Deinen Kommentar liebe Tatjana – Deine Beobachtungen finde ich sehr spannend. Jede Facette ist wichtig, und alles hat seine Zeit. Mir war es halt wichtig, die Annika-Seite auch einmal stärker hervor zu heben. Liebe Grüße!

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