„Digitale Bildung lässt mich nicht mehr los“

Veröffentlicht von am 3 Dez 2017

Mit Katja Bröckl-Bergner verbindet mich die Leidenschaft für das Thema digitale Bildung. Doch während ich vor allem darüber schreibe, geht Katja an die Schulen und sogar in Seniorenheime, um das Thema vor Ort voranzubringen. Ihr neuestes Projekt nimmt nun richtig Fahrt auf: der „Digitalbus“ und ihr Start-up „Digital>>School“, das sie mit Christiane Winter gegründet hat.

Katja Broeckl-Bergner

 

 

Katja, wie sieht Dein Business aus?

Ich bin als freiberufliche Digitale Bildungs- und Social Media Beraterin unterwegs. Gerade gründe ich mit Christiane Winter das Bildungs-Startup Digital>>School (#digital2school), ein mobiler Service für Medienbildung für Schulen.

2012 habe ich mich mit w@hrnehmung | katja bröckl-bergner und meinem kleinen grünen Leuchtturm als Logo selbstständig gemacht. Anfänglich beriet ich Unternehmen und Privatpersonen in der effektiven Nutzung von Social Media. Das Internet und digitale Medien gehören zu meinem alltäglichen Handwerkszeug. Ohne WLAN und Internet verhungere ich in meinem Homeoffice. Irgendwann wurde mir bewusst, so wie ich arbeite, arbeiten nicht alle, bzw. können es nicht. Gerade meine drei Kinder bekommen in der Schule nicht viel von diesen „neuen“ Arbeitsweisen vermittelt.

Wir, die in der digitalen Welt arbeiten und leben, leben bereits das sogenannte 4K Modell oder auch die 21st Century Skills genannt! Doch wie können wir unsere jungen Menschen auf die zukünftige Arbeitswelt vorbereiten? Wir müssen die zukünftigen Generationen dazu zu befähigen, unbekannte Hürden in einem sich ständig wandelndem Feld zu meistern. Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken sind hierfür der Schlüssel.

Dieses Wissen und meine Erfahrungen möchte ich mit meinen digitalen Projekten in die Schulen bringen.

 

 

Du brennst für das Thema digitale Bildung. Woher kommt Dein Antrieb – gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mein Schlüsselerlebnis war ein Vorfall in der Schule meiner Tochter. Eine Mitschülerin postete irgendetwas Unschönes über eine Mitschülerin auf ihrer Facebook Seite. An die genauen Einzelheiten kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Das Posting machte die Runde und landete auch beim Direktor.

Nun fing das Drama an. Die Schülerin wurde in das Büro des Direktors zitiert, musste dort ihren Facebook Account am Rechner aufrufen und den Post vor den Augen des Direktors löschen. Zudem bekam sie einen scharfen Verweis. Ich habe mich dann gefragt: „Was hat das Mädchen nun gelernt?“ Der Direktor hat die Macht! Aber, wie funktioniert Social Media? Was ist Cybermobbing? Welche Folgen hat Cybermobbing? Nicht, gar nichts hat sie gelernt.

Das konnte einfach nicht sein! Immer wieder kreuzte das Thema Netiquette auch meinen Arbeitsbereich als Social Media Managerin. Ok, das ist die gleiche Richtung. Mein Interesse war geweckt und ich begann mich in das Thema Cybermobbing einzulesen und mit meiner Tochter als Sparringspartner zu testen. Der nächste Schritt konnte folgen, ein Telefonat mit dem Rektor. Ich unterbreitete ihm ein Angebot für einen Cybermobbing Workshop. Der Zeitpunkt passte, dann stand ein Schulprojekttag an. Einen ganzen Tag arbeitete ich mit sieben siebten Klassen an dem Thema Cybermobbing. Wenig Zeit für ein so großes Thema. Seitdem lässt mich digitale Bildung nicht mehr los.

 

Logo Digitalbus

Wo hakt es beim Thema digitale Bildung (in Bezug auf Schulen) Deiner Meinung nach derzeit am meisten?

 

Zunächst sehe ich immer wieder, dass die Notwendigkeit der Digitalisierung in der Schulwelt wirklich noch nicht gesehen wird. Es überwiegt die Skepsis vor digitaler Technik und das Fehlen von digitalen Konzepten. Handyverbot, fehlende Geräte (Tablet oder Laptop), IT-Raum und fehlendes WLAN sind nur ein paar Hürden, die ich überspringen muss, um ein digitales Projekt an einer Schule durchzuführen.

 

Ein großes Problem ist, dass von Schulen enorm viel gefordert wird – digitale Ausstattung, digitales Konzepte und Weiterbildungen für Lehrer mit Schwerpunkt Digitalisierung. Viele Schulen sind damit überfordert. Um die Digitalisierung umzusetzen, braucht es viele, die an einem Strang ziehen: Direktoren, Lehrerkollegien, Schulaufwandsträger, die Politik. Das sind ziemlich viele, die unter den digitalen Hut passen müssen. Zudem ist die Ausbildung der Lehrer ebenfalls noch nicht auf der Höhe der digitalen Zeit. Ach ja, mehr Geld für die Bildung würde die Sache ebenfalls sehr vereinfachen. Und da Bildung Ländersache ist, erfindet jeder die Digitalisierung neu, anstatt gemeinsam ans Ziel zu kommen.

 

 

Du hast zusammen mit Christiane Winter die Initiative „Digital>>School“ gegründet, ihr beiden gebt damit mächtig Gas, gerade kommt ihr aus Berlin von der Bitkom Digital Mobility Konferenz. Wie entstand die Idee, was genau habt ihr vor, was möchtet ihr erreichen?

 

Christiane habe ich während meiner Session auf einem Barcamp bei Microsoft kennengelernt. Thema war natürlich digitale Bildung. Schnell haben wir gemerkt, wir wollen beide etwas in der Bildungslandschaft verändern. Wir beide haben immer wieder gemerkt, dass Schulen mehr Unterstützung bei der digitalen Transformation brauchen. Nur wie? Ihr kam die Idee während einer Fahrt mit dem Flixbus von München nach Berlin. Denn unsere Aktivitäten beschränkten sich auf München, Erding und Umgebung. Und hier mussten wir beide enorme Hürden nehmen, damit wir ein digitales Projekt an einer Schule durchführen konnten. „Stell dir vor, du hast ein Projekt mit dem Namen Digtialwerkstatt an einer Schule und dir stehen nur zwei Computer zur Verfügung und von WLAN keine Spur“. Der Knackpunkt ist häufig die Infrastruktur. Alles an Board, Geräte, Ideen und Konzepte – die Idee Digital>>School war geboren! Meine bisher gesammelten Erfahrungen und mein Netzwerk werden nun mobil.  Seitdem touren wir mit unserer Idee durch Deutschland und schrauben wir fleißig daran. Einen großen Erfolg konnten wir beim EdTec Startup Dialog im Rahmen des Digitalgipfels der Bundesregierung erzielen. Dort sind wir zu einem von sechs innovativsten EdTec Startups gewählt worden.

Digital>>School ist mobile digitale Medienbildung für Schulen und andere Bildungsinstitutionen direkt vor Ort. Das Ziel des Digitalbus: Die Schulen bei den Herausforderungen des digitalen Lernens und des Kompetenzaufbaus sowie beim verantwortungsvollen und reflektierten Einsatz digitaler Medien im alltäglichen Unterricht zu unterstützen.

Der Digital>>School-Digitalbus kommt direkt zu Schulen und anderen Bildungsinstitutionen. Es ist ein Bus, der in eine digitale Lernlandschaft umgebaut wird. Einsatzmöglichkeiten sind u. a. Workshops für Klassen aller Schulformen, Beratung, Trainings und Fortbildungen. Geplanter Start ist 2018.

 

 

 

Katja Digital2School1

 

Du warst kürzlich auf dem EduCamp Hattingen – was hast Du dort mitgenommen?

 

Christiane und ich nahmen an diesem Camp teil, da sich hier die „digitale Lehrerszene“ aus Deutschland trifft. Ja und so ist es auf vielen Edu-Veranstaltungen. Hier treffen sich sehr engagierte Lehrer, die erfolgreich digitale Konzepte und Geräte in ihrem Unterricht einsetzen. Man könnte es vergleichen mit: Diese Lehrer überholen mit ihren zukunftsweisenden Teslas ihre anderen Kollegen auf der Digitalautobahn mit Höchsttempo. Es ist Zeit, dass die anderen Lehrer sich dranhängen, sonst wird das Gap zu groß. Doch wie kommt dieses enorme Wissen in alle Ecken unserer Bildungslandschaft? Für Peer to Peer Weiterbildungen fehlen die Lehrer, im Pädagogikstudium gibt es enormen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung, bei Pflichtfortbildungen hapert es an der Motivation, und eine einheitliche Bildungsplattform wird durch das föderale System kaum zu machen sein.

 

 

Bei der digitalen Bildung geht es ja nicht nur um Kinder, sondern auch um lebenslanges Lernen und Erwachsenenbildung oder Schulungen für Senioren. Welche Erfahrungen hast Du hier gemacht, magst Du ein paar Situationen und Erfolge schildern?

 

 

Wer in Sachen digitale Bildung nicht am Ball bleibt, rückt unausweichlich an den Rand der Gesellschaft. Auch ältere Menschen müssen bei der kompetenten Nutzung der neuen Medien unterstützt werden, damit sie nicht aus dem gesellschaftlichen Partizipationsprozessen ausgeschlossen werden. Vermehrt laufen diese Prozesse digital ab. (Online-Banking, Online-Shopping, Online-Beratung, Online-Kommunikation) Lebenslanges Lernen hat eine Reihe von positiven Effekten, wie z.B. Senkung des Demenz- und auch des Mortalitätsrisikos, soziale Integration und damit einhergehend ein verbessertes Altersbild in der Gesellschaft. Im Rahmen einer SeniorInnen & Digitale Bildung Weiterbildung in Österreich wurde mir klar, hier besteht Handlungsbedarf. Learning4Integration – Das Internet kennt keine (Alters-) Grenze war mein erstes Senioren Projekt. Es war ein intergeneratives Projekt, mit jugendlichen Flüchtlingen einer Übergangsklasse und Senior*innen eines Seniorenheims startete ich einen Internet-Schnupperkurs. Für die Senioren*innen war dieser Besuch in der Schule eine Reise in die Vergangenheit, die ihnen sehr viel Spaß gemacht hat. Ok, ich habe die Senioren (80 – 93 Jahre) nicht zu Heavy Usern gemacht, aber wir konnten ihnen die rätselhafte Internetwelt ganz persönlich zeigen.

In meinen Senioren-Kursen sitze ich meistens sehr interessierten und wissbegierigen Menschen gegenüber. Sie sind motiviert und sehr dankbar, dass ich die Geduld aufbringe, ihnen die digitale Welt zu erklären.

Einblicke in den Unterricht:

  • Wie ist das mit dem WLAN? Mein, dein unser WLAN? Wie komme ich in das Hotel-WLAN?
  • Fotografieren mit dem Smartphone – wie kann man scharfe Bilder machen?
  • Wie macht man Selfies?
  • Was ist eine Cloud?
  • Wie funktioniert Google?
  • Wie, mein Smartphone hört aufs Wort? Wie funktioniert Siri?

 

 

Auf dem Ada Lovelace Festival in Berlin hatte ich die Gelegenheit, mit dem Calliope Mini zu programmieren. Es war wirklich kinderleicht! Was hältst Du von solchen Initiativen, mit denen Kinder in der Schule ans Programmieren herangeführt werden sollen?

 

 

Grundsätzlich bin ich für jede Initiative, die die digitale Bildung vorantreibt. Doch was ich über das Calliope Projekt gehört habe, stimmt mich etwas nachdenklich. Das Start-up startet eine Crowd Funding Aktion, um die digitale Bildung in Deutschland vorwärts zu bringen. Klaro, dass ich da mitgemacht habe. Auch wenn ich jetzt Programmieren nicht ganz an erster Stelle der digitalen Bildung in Schulen sehe. Es ist ein Teil des ganzen digitalen Kuchens. Als ich meinen Calliope endlich in der Hand hatte, war die Freude groß. Erste Programmierungsversuche mit der Tochter wurden gestartet.

Nun erfuhr ich durch einen Podcast, dass Google von Anfang an ein Partner dieser Initiative ist. Hmm, nun frage ich mich, wozu diese riesige Funding Aktion? Warum wurde nicht mit offenen Karten gespielt? Warum spielt auch die Bundesregierung bei diesem Spiel mit? Es hinterlässt einen fahlen Beigeschmack- Ist Programmierung wirklich die Basis? Ich bezweifle es, die meisten Schulen sind mit den Basics der Digitalisierung beschäftigt. Im zweiten Schritt, sehe ich das Coden. Aber auch hier bitte mit Spaß, nicht als Pflichtveranstaltung mit Noten! Das sind extreme Motivations- und Kreativitätskiller.

 

Wenn Du Dir für das Thema digitale Bildung drei Dinge wünschen könntest, welche wären das?

 

Liebe Bildungsfee, bitte schaffe Bildung als Länderssache ab, gib der Bildung wieder den Stellenwert den sie verdient, d.h. erhöhe die Bildungsbudgets drastisch. Und mein letzter Wunsch, bitte lass uns dem Thema digitale Bildung mit Spaß und Forscherdrang begegnen und anstatt mit Druck durch Noten.

 

Fotos: Beate Mader, Katja Bröckl-Bergner, Digital2School

2 Comments

  1. Katja
    4. Dezember 2017

    Liebe Simone,
    Dankeschön, dass ich dir erzählen durfte, warum meine Leidenschaft, die #DigitaleBildung ist. Es war eine neue Herausforderung, die ich sehr gerne angenommen habe. Super, dass du auch für das nicht sehr entflammbare Thema #DigitaleBildung brennst! Lass es uns zum Leuchten bringen! :)
    Liebe Grüße

    Katja

    Antworten
    • Simone Fasse
      4. Dezember 2017

      Liebe Katja, Danke für die spannenden Antworten – auf dass der Digitalbus jede Menge Fahrt aufnimmt und sein Ziel erreicht – ich fahre gern mit :) LG

      Antworten

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